Zum Inhalt

Die Grenzen der Kollegin: eifrig, selbstsicher, vergesslich

Kernbotschaft

Die KI hat drei berechenbare Schwächen — sie ist eifrig, selbstsicher und vergesslich. Wer sie kennt, wird nicht überrascht und steuert dagegen.

Stell dir eine neue Kollegin vor, die drei Eigenschaften auf einmal mitbringt: Sie ist unglaublich fleißig und legt lieber sofort los, als noch einmal nachzufragen. Sie tritt selbstsicher auf und stimmt dir bereitwillig zu — auch dann, wenn sie danebenliegt. Und sie vergisst über die Tage, was ihr am Anfang gesagt wurde. So eine Kollegin ist ein Gewinn, wenn man weiß, wie man mit ihr umgeht — und eine Quelle für böse Überraschungen, wenn man sie einfach machen lässt.

Genau das ist das mentale Modell aus Einheit 1: die KI als genialer, aber unzuverlässiger Mitarbeiter. Diese Seite macht die drei Schwächen konkret, damit du sie beim Namen erkennst, sobald sie auftauchen. Das Gute daran: Sie sind berechenbar. Kein Zufall, kein schlechter Tag — dieselben drei Muster, immer wieder. Und gegen jedes gibt es einen Handgriff.

Eifrig: sie läuft los, bevor du fertig bist

Die eifrige Kollegin wartet nicht gern. Sie ist von der fleißigen, übereifrigen Sorte: Gib ihr eine Aufgabe, und sie legt sofort los — lieber macht sie zu viel als zu wenig, und lieber rät sie, wie du es gemeint hast, als kurz nachzufragen. Erkennen tust du sie daran, dass mehr zurückkommt, als du bestellt hast, und das schneller, als dir lieb ist: fertig ausformuliert, rundum erledigt, ohne ein einziges „Soll ich so weitermachen?" dazwischen.

Für die Zusammenarbeit heißt das: Jede Lücke in deiner Ansage füllt sie mit dem Naheliegendsten und baut munter darauf weiter. Das Ergebnis sieht fertig aus — steht aber auf einer Annahme, die du nie getroffen hast. Und die musst du hinterher erst wieder herauslösen.

Das kennst du aus dem Büro, ganz ohne Technik: Du bittest um einen kurzen Entwurf für eine Kundenmail — eigentlich willst du nur den ersten Satz abstimmen, bevor es weitergeht. Zurück kommt nicht der eine Satz, sondern die komplette mehrteilige Serie: Erstkontakt, Nachfassen, Erinnerung, Abschluss, alles ausformuliert und sauber aufeinander abgestimmt. Beeindruckend — nur baut jede der vier Mails auf einem Ton und einer Stoßrichtung auf, die du so nie freigegeben hast. Hätte sie nach dem ersten Satz kurz innegehalten, wäre aus einer halben Stunde Nacharbeit gar keine geworden.

Der Eifer ist also kein Ausrutscher, sondern ein Charakterzug — und wer Aufgaben an sie delegiert, plant ihn von vornherein ein. Wie du ihn im Zaum hältst — erst planen lassen, den Plan lesen, die Umsetzung ausdrücklich freigeben — hast du in Stufe 1 ausführlich geübt: Die KI führen & auf Kurs halten.

Selbstsicher: sie klingt überzeugt, auch wenn sie falsch liegt

Die zweite Eigenschaft ist unangenehmer, weil sie sich gut anfühlt: Die Kollegin ist von der Sorte, die nie „das weiß ich nicht" sagt. Frag sie irgendetwas, und du bekommst eine klare, feste Antwort — im selben überzeugten Ton, egal ob sie es weiß oder rät. Und schlägst du selbst etwas vor, nickt sie bereitwillig mit, oft mit einem begeisterten „Ja, genau!". Ein Zögern, ein „da bin ich mir nicht sicher", ein leiser Vorbehalt — das kommt praktisch nie.

Für die Zusammenarbeit ist das tückisch: Ihre Sicherheit gibt dir ein Gefühl von Sicherheit, das nichts wert ist. Der überzeugte Ton verrät dir nämlich nicht, ob sie richtigliegt — und das freundliche Mitziehen ist kein Qualitätsbeweis, sondern erst einmal nur eine Höflichkeit. Im Büro kennst du den Typ: die Kollegin, die auf jede Frage sofort eine feste Antwort parat hat und dir in der Besprechung eifrig recht gibt — angenehm im Umgang, bis du merkst, dass ihre Zustimmung dir gar nichts darüber sagt, ob die Sache auch stimmt.

Dass dieses Mitziehen keine Einbildung ist, hat uns ein kleines Spiel gezeigt: Wir haben ein paar KI-Modelle aus Spaß einen Persönlichkeitstest ausfüllen lassen. Schon dabei fiel auf, dass die „Verträglichkeit" — im Test Agreeableness, also genau diese Neigung, mitzuziehen und zuzustimmen — nicht bei allen gleich hoch ausfällt.

Big-Five-Persönlichkeitsprofile verschiedener KI-Modelle; die niedrigere Verträglichkeit (Agreeableness) eines Modells ist hervorgehoben
Ein Spiel, keine Messung: „Verträglichkeit" (Agreeableness) fällt zwischen den Modellen unterschiedlich aus — bei einem liegt sie sichtbar niedriger (hervorgehoben). Wichtig: Das sind ältere Modellstände (ChatGPT-3.5, Claude 3 Opus, Gemini Advanced); die Zahlen sind keine aktuellen Werte, sie zeigen nur, dass sich dieser Zug überhaupt zwischen Modellen unterscheidet.

Was du daraus mitnimmst, ist keine Rangliste und keine Zahl, sondern eine Haltung: Ein freundlicher, sicherer Ton sagt nichts über die Richtigkeit aus. Es ist derselbe Kern wie in Einheit 1, wo jemand aus der Gruppe die KI einen Mitarbeiter nennt, der einen „hinters Licht führt": Selbstsicherheit ist kein Zeichen von Wissen. Die KI hat kein Verständnis von wahr und falsch — sie setzt Wörter zusammen, die gut zusammenpassen, und tut das mit derselben Überzeugung, egal ob das Ergebnis stimmt.

Dass diese Zustimmungs-Neigung sogar einen eigenen Namen hat (Sycophancy) und wie du gezielt gegensteuerst, steht ausführlich in Stufe 1: Wenn die KI lügt: Halluzinationen.

Vergesslich: sie vergisst, was am Anfang stand

Die dritte Schwäche merkst du erst, wenn ein Gespräch länger läuft. Alles, was ihr im Chat sagt, landet im Kontextfenster — dem Arbeitsgedächtnis der KI für dieses eine Gespräch. Dieses Gedächtnis ist endlich und wird in Token gemessen, also in kleinen Textbausteinen. Ist es voll, fällt Älteres hinten heraus.

Doch schon vorher lässt die Aufmerksamkeit nach: In langen Chats verliert die KI allmählich ihre ursprüngliche Rolle und Aufgabe aus dem Blick — man nennt das Persona-Drift. Die Qualität sinkt dann schleichend, ohne dass ein Fehler aufleuchtet. Dass lange Gespräche schlechter werden und ein frischer Chat oft besser ist, kennst du schon aus Stufe 1 — hier siehst du den Grund dahinter: Es ist kein Aussetzer, sondern die Bauart des Gedächtnisses.

Am einfachsten wird das an unserer Kollegin: Stell dir vor, sie vergisst über die Tage zuverlässig, was ihr besprochen habt. Du kannst dich darüber ärgern — oder du richtest dich darauf ein: Das Wichtige wiederholst du kurz, und was dauerhaft gelten soll, hinterlegst du schriftlich, statt es jeden Morgen neu zu erklären. Genau dieser Handgriff — der KI ihr Wichtiges dauerhaft mitgeben, statt es in jedem Chat neu zu tippen — ist das Thema der nächsten Einheit Die KI einarbeiten.

Unsere Empfehlung

Das ist unsere Meinung aus der eigenen Praxis, kein Lehrbuchwissen — aber gegen jede der drei Schwächen hat sich ein Handgriff bewährt:

  • Gegen den Eifer: erst planen, dann umsetzen. Lass dir zuerst einen Plan geben, lies ihn, und gib die Umsetzung ausdrücklich frei — nicht alles in einem Rutsch. (Ausführlich in Stufe 1.)
  • Gegen die Selbstsicherheit: gegenchecken, wo du es kannst. Lass wichtige Ergebnisse in einem frischen Chat kritisch gegenlesen und prüfe selbst dort am gründlichsten, wo du Fachwissen hast. Lob der KI ersetzt keine Prüfung. (Ausführlich in Stufe 1.)
  • Gegen die Vergesslichkeit: neu anfangen und hinterlegen. Lieber ein sauberer Neustart als die zehnte Nachfrage im zugemüllten Chat — und was dauerhaft gelten soll, schriftlich mitgeben statt jedes Mal neu zu erklären (dazu mehr in Die KI einarbeiten).

Probier es selbst

  • Nimm ein langes, zähes KI-Gespräch und starte es frisch neu — mit einem klaren Prompt, der das bisher Wichtigste schon enthält. Wird das Ergebnis besser?
  • Sag der KI selbstbewusst das Gegenteil von etwas, das du sicher weißt. Knickt sie ein und gibt dir recht — oder bleibt sie bei der Wahrheit?
  • Schreib die drei, vier Vorgaben, die du der KI ständig neu erklärst, einmal an einer Stelle zusammen. Das ist dein Startpunkt für die nächste Einheit.

Zum Nachdenken

Bei welcher deiner Aufgaben wäre welche der drei Schwächen am teuersten — der Eifer, die Selbstsicherheit oder die Vergesslichkeit? Und woran würdest du merken, dass sie gerade zuschlägt?